
David R. Hawkins: „Über mich“.
29. November 2025Für seine aktuelle Ausstellung bei uns hat David Hawkins Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen mitgebracht.
Eine zentrale Werkreihe, mit der er sich derzeit intensiv befasst, sind seine, sehr komplexen und detailreichen Baumporträts: „Das Wesen der Bäume“. Inzwischen gibt es über zwanzig Arbeiten dazu. David Hawkins’ Bäume waren bereits in mehreren Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen, und sie dürfen auch in dieser Werkschau nicht fehlen.
Eine kleine Auswahl aus seiner „Baum-Reihe“ zeigt der Künstler deshalb auch bei uns.
David Hawkins geht es bei seinen Bäumen nicht um ein Abbild. Vielmehr steht das „Wesen der Bäume“ im Fokus. Jeder einzelne dieser Bäume ist eine sehr eigenständige Persönlichkeit, ein Charakter, mit einer eigenen Geschichte. Und auch ihre besondere Machart ist einen genaueren Blick wert. Kurzum, mehr als Grund genug, David Hawkins’ Baum-Bilder noch einmal gesondert zu betrachten und ihnen an dieser Stelle einen eigenen Blog-Beitrag zu widmen.
Ich hatte die Freude, anläßlich der Vernissage seiner Einzelausstellung mit dem Titel „Das Wesen der Bäume“ im städtischen Koenraad Bosman Museum in Rees (März 2024), eine kleine Einführung und kunstgeschichtliche Einordnung zu geben. In Rees waren seinerzeit achtzehn Bäume zu sehen. Inzwischen ist die Reihe weiter angewachsen.
Meine Rede zu David Hawkins Baumbildern möchte ich hier in Auszügen einfach noch einmal zitieren.
„Das Wesen der Bäume“
Auf den ersten Blick ist alles klar: Es sind achtzehn verschiedene „Baum-Charaktere“, die sich detailgenau und in leuchtenden Farben präsentieren.
David Hawkins schaut ganz genau hin, und er hält minutiös fest, was er sieht. Jedes einzelne seiner achtzehn Baumporträts wirkt wie ein eigener Charakter, der sich wiederum in den aller-feinsten Details von den Wurzeln bis in die Wipfel offenbart: Ausladende Äste, Zweige und Blättchen und ineinander verwobene Wurzeln, schrundige Rindenstrukturen.
Seine Motivauswahl ist international: Von der Platane in Krefeld, der Kaiser-Linde in Kleve oder der Rotbuche in Angermund, also in der allernächsten Nachbarschaft, führt David Hawkins uns vom Niederrhein aus in die weite Welt: Etwa zu einem spanischen Olivenbaum, einer französischen Lärche oder eine Zeder aus Zypern, oder auch zu einem amerikanischen „Dawn Redwood“, oder aber zu einem australischen „Desert Bloodwood“, einem Papierrindenbaum, oder einer Coperinicia Palme in Singapur. Seine Baumwesen stehen oft für bestimmte Landschaften oder sie sind für die Menschen an jenen besonderen Orten „heilig“, wie etwa der neu-seeländische Weihnachtsbaum für die Maoris. Sie sind wild gewachsen oder wurden von Menschen gepflanzt.
Für seine Baumporträts hat David Hawkins sehr unterschiedliche Perspektiven gewählt, die das „Typische“ des jeweiligen Baumes betonen. Und bei der Gelegenheit kann es durchaus schon einmal sein, dass man in „das Herz eines Baumes blickt“, oder von unten die Größe eines Baumes erlebt. Dass man filigrane Äste und Zweige und feine Blätter wahrnimmt, oder aber den mächtigen Stamm.
Tatsächlich ist die filigrane Malerei, die an altmeisterliche Feinmalerei erinnert, ein Kernstück seiner künstlerischen Arbeit. Aber das ist bei weitem nicht alles, sondern vielmehr nur ein zentraler Aspekt der „Bilderstellung“.
Ein paar Worte zur Technik. Vom Digitalen zum Analogen und wieder zurück: Von der Fotografie über die Malerei zum finalen Kunstwerk
Für seine Kunst hat David Hawkins eine Technik entwickelt, die er selbst „Sinn-Thesen“ (eng-lisch „Sensethesis“) getauft hat. Seine Arbeiten zum „Wesen der Bäume“ sind gleichermaßen digital und analog erschaffen: Hier kommt für ihn das Beste aus beiden Welten zusammen. Und das läuft folgendermaßen ab:
Digital fotografieren
Alles beginnt mit einem echten Baum, den David Hawkins fotografisch festhält. Bereits die Auswahl des „richtigen Baumes“ ist speziell: Ein besonderes „Gefühl“, fast so, als würde der Baum nach ihm rufen, wie der Künstler selbst sagt.
Im ersten Schritt entsteht eine digitale Fotografie, aber damit ist seine „eigentliche“ Arbeit noch längst nicht getan. Und „eine“ Fotografie trifft es nicht einmal annähernd. Es sind unzählige Aufnahmen, bis David Hawkins mit der Perspektive und Komposition zufrieden ist. David Hawkins verändert nie die Komposition des originalen Fotos, sondern passt den „Schnitt“ und das allgemeine Farbschema an den Charakter des Baumes an.
Und dieses eine Foto (wenn es denn erst einmal grundsätzlich für „gut“ befunden wurde!) wird dann zu einer Vorlage, die wiederum nach weiterer Bearbeitung verlangt: Zunächst digital, und im Anschluss analog.
Sobald die digital erstellte und bearbeitete Bildvorlage fertig ist, lässt David Hawkins sie professionell auf hochwertigem Papier drucken und großformatig aufziehen. Das wiederum ist der Ausgangspunkt für die Malerei.
Analog malen
Mit einer breiten Palette von Farben, Tuschen und Pastellkreiden baut der Künstler nach und nach das fertige Werk auf, immer mit dem Ziel, das eine Bild zu erreichen, das den authentischen Charakter des Baumes am besten zum Ausdruck bringt.
Dieser Schritt ist in der Regel sehr aufwändig, und nimmt – je nach Motiv und Ausgestaltung – mindestens vierzig bis fünfzig Stunden reine Malarbeit in Anspruch.
Für David Hawkins macht erst dieser analoge Prozess des Bemalens sein Motiv lebendig. In diesem Schritt verstärkt er Kontraste und akzentuiert die kleinsten Details. Und wenn Sie sich in David Hawkins Bildern umschauen: Auf den ersten Blick sind alle diese Feinheiten kaum zu erfassen.
Digital bewahren
Sobald das Malen abgeschlossen ist, wird das finale Motiv zum materiellen Ausgangspunkt und damit zur Produktionsgrundlage für eine streng limitierte serielle Umsetzung.
Die Bildplatte hat unzählige Malschichten mit ausgearbeiteten allerfeinsten Details. Die Oberfläche ist – trotz Firnis – sehr empfindlich und extrem anfällig. Mit der anschließenden Digitalisierung wird dieser materielle Ausgangszustand perfekt bewahrt. Wie wertvoll – um nicht zu sagen: Unersetzlich – diese Daten für den Künstler sind, mag man daran erkennen, dass er den Datenträger nicht im Atelier, sondern im Safe einer Bank aufbewahrt.
Die Werke, die David Hawkins ausstellt (und verkauft), sind professionell gedruckte limitierte Auflagen. Die ursprüngliche Vorlage bleibt ihm als „funktionierender Prototyp“ erhalten und erfüllt die gleiche Rolle wie ein Kupferstich, den der Künstler im Laufe der Zeit verwerfen oder verändern kann. Und diesen physischen Prototyp gibt David Hawkins niemals aus der Hand.
Die eigentliche technische Produktion einer solchen Serie ist höchst aufwändig und wird von entsprechenden Spezialisten durchgeführt. Allerdings gibt David Hawkins seinen Datenstick nicht einfach dort ab, sondern er nutzt im Austausch mit den Spezialisten die Möglichkeiten, an der physischen Produktion seines Werkes mitzuwirken, damit seine Vorstellungen exakt verwirklicht werden können. So stellt er sicher, dass die einzelne Arbeit genau seinen Vorstellungen entspricht und jede Einzelheit „sitzt“. Die Vorlage wird digital mit einem Latexdrucker gedruckt und im Anschluss auf eine beschichtete Aluminiumplatte aufgezogen. Das Ergebnis hat eine seidenmatte Oberfläche, die zum einen die leuchtenden Farben optimal unterstützt und zum anderen nicht spiegelt. Damit gibt es auch keinerlei „Barriere“ zwischen dem Motiv und Betrachtendem. Anders als bei Arbeiten unter Glas.
Fertig ist die Kunst von David Hawkins erst, wenn sie signiert und nummeriert ist. Die Arbeiten aus der Werkreihe „Das Wesen der Bäume“ gibt es in zwei verschiedenen Formaten, wobei das größere Format (ca. 136 x 95) tatsächlich der gemalten „Produktionsvorlage“ entspricht. Allerdings ist die Auflösung der digitalisierten Produktionsvorlage so hoch, dass grundsätzlich auch viel größere Formate möglich sind.
Das „Wesen der Bäume“ als Herzensthema
Für David Hawkins ist diese Bildserie eine „Herzensangelegenheit“. Seine Bäume sind für ihn nicht nur ein stimmungsvolles Motiv, sondern vielmehr seine Gesprächspartner für eine Art von innerem Monolog, oder vielmehr Dialog. Er selbst beschreibt das folgendermaßen:
„Bäume sind ganz besondere Wesen. Ihre Wurzeln wachsen tief in die Erdgeschichte hinein. Und ihre Stämme ragen hoch in die Zeit hinauf. Die Blätter berühren Luft und Raum und schaffen Düfte, malen Farben und werfen Schatten.
Es sind die Klänge der Bäume, die ich empfinde, wenn ich male: das helle Lied, geschrieben im lichten Morgentau; die gesättigten Töne der Wurzel in ihrem umklammernden Versuch, den Erdball festzuhalten. Von Bäumen können wir sehr viel lernen. Aus diesem Grund male ich sie.“
David Hawkins erlebt das Malen wie eine Reise durch Raum und Zeit, und gleichermaßen als eine synästhetische Erfahrung, an der er uns teilhaben lassen möchte. Der Künstler hat seine persönlichen Assoziationen, Gedanken und Emotionen, und eben seine inneren „Gespräche“ auch aufgeschrieben. Jedes Motiv, jeder einzelne Baum aus seiner Werkreihe, ist nicht allein als ein Bild, sondern gleichermaßen auch als ein lyrischer Text repräsentiert. Daraus ist ein Katalog, oder vielmehr ein Bilderbuch entstanden, das diese Baum-Serie begleitet.
Bei aller botanischer Korrektheit, mit der David Hawkins seine Bilder benennt und katalogisiert, sind es für den Künstler auch seine Baumtexte, die durchaus Teil der Arbeit sind: Denn in diesen begleitenden Texten spricht stets der Baum selbst und erzählt „seine“ Geschichte. Sie lassen das „Wesen der Bäume“ auch hörbar werden.
Biologische Details sind für David Hawkins ebenfalls von Interesse. Ihn selbst haben die Arbeiten des Försters und Publizisten Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) inspiriert, auf den er sich im Nachwort zu seinem Bilderbuch auch bezieht. Eine andere Inspirationsquelle ist die Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard, die sich mit ihrer Leserschaft auf die „Suche nach dem Mutterbaum“ („Finding the Mother Tree“) begeben hat. Vielleicht denken Sie bei Ihrer Bildbetrachtung aber auch an die sprechenden Baumriesen in Tolkiens „Herr der Ringe“. Oder Sie erinnern sich an eine Wanderung, Ihren letzten Spaziergang durch den Wald am vergangenen Wochenende. Eine wunderbar erholsame Erfahrung, für die die japanische Sprache sogar einen eigenen Begriff erfunden hat: „Shinrin-Yoku“, „Waldbaden“.
Naturverbundenheit als Leitmotiv bei David Hawkins
David Hawkins geht es um Wertschätzung und Respekt vor der Natur: Er erlebt die Bäume als Freunde und Gefährten, und eben nicht in erster Linie als Rohstofflieferanten. In jedem Fall ist es eine tiefe innere Verbundenheit mit der Natur, Harmonie und das Wunderbare und Geheimnisvolle, das David Hawkins in seiner Kunst zum Ausdruck bringt.
Es geht ihm nicht um das neutrale Abbild „an sich“ oder um die Nachahmung der Natur, sondern vielmehr darum, das jeweils eigene, innere „Wesen“ ihrer Wirklichkeit fühlbar zu machen. David Hawkins erzählt nicht von einer materiell verankerten, äußeren Realität, sondern viel-mehr von den komplexen, inneren Welten seiner Baum- „Persönlichkeiten“. Die mögen paradiesisch schön, idyllisch und vertraut wirken, machtvoll und erhaben, rätselhaft oder beunruhigend. Vielleicht sogar abgründig. In jedem Fall sind sie voller Energie und höchst persönlich.
David Hawkins selbst spricht von der „Magie der Kunst“, und von seiner „faszinierenden Entdeckungsreise in die Seele der Natur.
Zum Ende doch ein Verweis auf die Kunstgeschichte: Die Romantik
Am Anfang habe ich hoch und heilig versprochen: Kein Kunsthistorikergeschwätz! Aber dieser abschließende Hinweis auf die Kunstgeschichte sei erlaubt: Die Romantik! Es ist ein Geheimnis hinter den Arbeiten von David Hawkins, eine Sehnsucht nach dem Unausgesprochenen und Unergründlichen, die man durchaus „romantisch“ nennen mag.
Und wer jetzt bei dem Stichwort „romantisch“ vielleicht mit den Augen rollen mag …. und an den vielzitierten „Röhrenden Hirsch“ auf der Waldlichtung denkt… Dieses Klischee wird dem Begriff „Romantik“ in keiner Weise gerecht. Tatsächlich hat keine andere Epoche der deutschen Geistesgeschichte so viele Missverständnisse provoziert wie die Romantik. „Entrümpeln“ wir also diesen Begriff vom Zuckerguss der Alltagssprache, die den „romantischen Geist“ oft verkürzt auf das vordergründig Sentimentale, Schwärmerische und eine bloße süßliche „Stimmung“.
Denn die Romantik ist nicht nur paradiesisch und schön, sie umfasst auch das Dunkle, ja sogar subversive von Entgrenzungserlebnissen. Da gibt es eine durchaus poetisierte Welt, in der alles „Zeichen“ oder eine komplexe „Chiffre“ sein kann (Novalis, Gebrüdern Schlegel). Oder wirklich düstere Entwürfe von unheimlichen Gegenwelten (E. T. A. Hoffmann), beunruhigend visionäre Traumbilder (Johann Heinrich Füssli), und symbolisch aufgeladene Landschaften (Caspar David Friedrich).
„… malen, was er in sich sieht“
Von Caspar David Friedrich (dem (!) Maler der Romantik schlechthin!) stammt der berühmte – und vielfach zitierte Satz:
„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht.“
Die meisten, die dieses Zitat gern anführen, hören an dieser Stelle auf. Dabei geht es sehr aufschlussreich weiter. Denn Caspar David Friedrich führt diesen Satz weiter aus.
„Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“
Das ist bei David Hawkins nicht der Fall: Keine Spanischen Wände! Ganz im Gegenteil. Die Kunst von David Hawkins ist höchst lebendig. Und der Künstler… ist es auch.
Lassen Sie sich also nicht nur auf die Kunstwerke ein, sondern lassen Sie sich durchaus auch in ein Gespräch verwickeln. Nicht nur mit der Kunst, sondern auch mit dem Künstler.
Denn (und das ist dann auch das letzte Kunstzitat , frei nach Marina Abramovic: „The Artist is present.“. Die Künstler ist anwesend.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!






